Am Untersberg verlieren Menschen Zeit. So lautet jedenfalls der Vorwurf, den der Berg zwischen Bad Reichenhall, Berchtesgaden und Salzburg seit Jahrhunderten trägt. Wanderer brechen morgens auf, kommen am Nachmittag zurück und stellen fest, dass es Abend ist. Die Uhr läuft, das Handy zeigt die richtige Zeit, nur die eigene Erinnerung hat eine Lücke. Ich lebe am Fuß dieses Berges, in Piding, und habe die Berichte nicht nur gesammelt. Ich bin an die Orte gegangen, habe Karten übereinandergelegt und nachgemessen, was sich nachmessen lässt.
Was die Leute erzählen
Die erste schriftliche Überlieferung eines Zeitphänomens am Untersberg stammt aus dem Jahr 1521. Seitdem reißt die Kette nicht ab. 1956 erzählte der fünfjährige Ingomar aus dem Raum Grödig, ein Zwerg habe ihn in eine Höhle mit einem See geführt – er meinte, nur kurz fort gewesen zu sein, tatsächlich war er rund fünf Stunden verschwunden. Am 15. August 1987 verschwanden drei deutsche Wanderer spurlos; eine Suchaktion mit über 150 Mann und drei Hubschraubern blieb tagelang erfolglos, bis sich die Vermissten Wochen später von einem Frachtschiff meldeten. Und der Untersberg-Autor Stan Wolf (Wolfgang Stadler) verglich bei einem Selbstversuch mit seiner Tochter sekundengenau gestellte Uhren – nach einem Moment, in dem sie für ihn verschwunden war, wichen die Uhren um eine Minute und siebenundfünfzig Sekunden voneinander ab.
Das Muster der Berichte ist auffällig gleich: ein kurzer Moment, der sich im Nachhinein als Stunden entpuppt. Und noch etwas fällt auf, wenn man alle bekannten Orte auf eine Karte setzt: Sie liegen fast ausnahmslos auf der Nordseite des Berges, auf der Salzburger Seite – rund um Glanegg, den Veitlbruch, den Sandkessel oberhalb der Steinbrüche und die Almbachklamm. Von der Südseite ist mir kein einziger Bericht bekannt. Eine zweite, kleinere Zone liegt im Osten am Eingang des Weißenbachtals, genau dort, wo eine tektonische Störungsgrenze verläuft und ein Lochstein einst eine Tabuzone markierte.
Was ich selbst erlebt habe
Dreimal hat sich die Zeit am Untersberg auch für mich sonderbar verhalten. 2016 filmte mich ein Freund auf dem Rückweg vom Römersteig; mitten in der Aufnahme sprang das Video in Zeitlupe – nicht beim Abspielen, sondern bereits während des Filmens, was ein Handy von sich aus nicht kann. Am Veitlbruch stieg ein auffällig gekleideter Mann den gut einsehbaren Hang zwischen Quelle und Kapelle hinauf; ich sah drei, vier Sekunden weg, und er war verschwunden. Und bei Glanegg, am alten Weg vom Rosittenparkplatz, kam uns derselbe Mann in derselben Kleidung innerhalb weniger hundert Meter zweimal entgegen. Keines dieser Erlebnisse ist ein Beweis. Jedes ließe sich auch anders erklären. Aber sie häufen sich an genau diesem einen Fleck des Berges.
Was sich messen lässt
Unter dem Untersberg liegt die stärkste Störung des Erdmagnetfelds in Mitteleuropa: die Berchtesgadener Anomalie, von den geophysikalischen Diensten Deutschlands und Österreichs aus rund einer Million Messwerten kartiert. Sie ist keine Vermutung, sondern amtlich vermessen. Ich habe sie selbst erlebt – nicht mit einer App, sondern mit dem Marschkompass am Rucksack, dessen Nadel an einer bestimmten Stelle oben am Berg plötzlich keinen Halt mehr fand, hin und her pendelte und sich nicht entscheiden konnte. Eine Woche später zeigte sie dort wieder stur nach Norden.
Daneben habe ich über mehrere Jahre die Landschaft vermessen: zwei Kraftlinien, die von Süden nach Norden über den Berg ziehen, ein Pentagramm aus Kirchen und Kapellen, die Y-Mauer mit ihren ausgestreckten Schenkeln und eine Goldene Spirale, deren Auge über Berchtesgaden liegt. Alles auf Google Earth über die Magnetfeldkarten gelegt, Punkt für Punkt, mit Koordinaten, die jeder nachprüfen kann.
Wo der Ursprung liegen könnte
Die Frage, die das Buch stellt, ist nicht „Gibt es das Zeitphänomen?“, sondern „Woher kommt es?“. Meine Deutung: Genau dort, wo die gebündelten Süd-Nord-Linien die Goldene Spirale auf der Nordseite des Untersbergs schneiden – nahezu im rechten Winkel, über der Stelle stärkster magnetischer Störung –, entsteht eine Art Brennlinse. Wo zwei Strömungen aufeinandertreffen, staut es sich davor und schießt dahinter umso schneller: Der eine Wanderer verliert Stunden, dem anderen fliegen sie davon. Das ist ein Bild, kein Beweis. Aber es ist das Bild, das für mich die meiste Ordnung in das Rätsel bringt – und es erklärt, warum die Berichte nicht gleichmäßig um den ganzen Berg verteilt sind, sondern sich an einer einzigen Naht häufen.
Zum Buch
„Zeitportal Untersberg – Die Jagd nach dem Ursprung“ ist am 26. Oktober 2026 im Amadeus Verlag erschienen (276 Seiten, Softcover, ISBN 978-3-98562-054-8, 24 €). Es enthält die gesammelten Berichte, die Karten, die Messungen und die Orte, an denen sie entstanden sind – und es trennt durchgehend, was belegt ist, was überliefert wird, was ich selbst erlebt habe und was meine Deutung ist. Im Shop gibt es das Buch signiert und auf Wunsch mit persönlicher Widmung: Zeitportal Untersberg bestellen.
Wer den Berg lieber an der Wand hat als im Regal: Die Tiere, die mir auf den Touren begegnet sind, habe ich in der Serie „Untersberg Magie“ auf Acrylglas festgehalten – Steinbock am Geiereck, Rotfuchs im Steinkaser, Schnecke am Herzstein.
Häufige Fragen zum Zeitphänomen
Was ist das Zeitphänomen am Untersberg?
Als Zeitphänomen oder Zeitanomalie am Untersberg werden Berichte von Wanderern bezeichnet, die nach einem kurz empfundenen Moment feststellen, dass deutlich mehr Zeit vergangen ist – von Minuten bis zu mehreren Stunden, in Einzelfällen Tagen. Die erste schriftliche Überlieferung stammt aus dem Jahr 1521.
Wo am Untersberg tritt der Zeitverlust auf?
Fast ausschließlich auf der Nordseite, der Salzburger Seite des Berges: rund um Glanegg, den Veitlbruch, den Sandkessel oberhalb der Steinbrüche und die Almbachklamm. Eine zweite Zone liegt am Eingang des Weißenbachtals. Von der Südseite sind keine Berichte bekannt.
Ist das Zeitphänomen am Untersberg wissenschaftlich belegt?
Nein. Es gibt keine anerkannte wissenschaftliche Erklärung. Belegt ist dagegen die Berchtesgadener Anomalie, die stärkste Störung des Erdmagnetfelds in Mitteleuropa, die genau unter diesem Gebiet liegt. Ob beides zusammenhängt, ist die Frage, der „Zeitportal Untersberg“ nachgeht.
Welche Sagen hängen mit dem Zeitverlust zusammen?
Die Sage vom schlafenden Kaiser im Untersberg, die Sage von der Hochzeitsgesellschaft, die nach einem kurzen Besuch bei den Untersberg-Mandln Jahrzehnte später ins Tal zurückkehrte, und die Überlieferung, dass sich am 15. August ein „Zeitloch“ öffne – jenes Datum, an dem 1987 drei Wanderer verschwanden.
Wo kann ich das Buch „Zeitportal Untersberg“ kaufen?
Signiert und mit persönlicher Widmung direkt beim Autor auf germanmadedesign.com, außerdem über den Amadeus Verlag und den Buchhandel (ISBN 978-3-98562-054-8).
Jochen Eurich, Piding am Untersberg